TIERISCHES

 

Das Tier und wir

«Was unterscheidet d'Mönsche vom Schimpans / s'isch nid die glatti Hut, dr fählend Schwanz / nid dass mir schlächter d'Böim ufchöme, nei / dass mir Hemmige hei» - bald ein halbes Jahrhundert ist es her seit der Mani Matter diese Erkenntnis in einen unsterblichen Song gefasst hat. Doch so optimistisch wie damals der Berner Troubadour die Differenz von menschlicher zu tierischen Natur beschrieben hat, sind die meisten der hier versammelten neun Filme nicht. Zwar gibt es so bezaubernde Verwirrspiele über das Verhältnis zwischen Animalischem und Humanem in uns wie in O ORNITOLOGO des Portugiesen João Pedro Rodriguez oder in A DRAGON ARRIVES! des Iraners Mani Haghighi. Doch die Mehrheit der hier versammelten Filme zeigt doch, dass das Tier in uns jederzeit und mit archaischer Wucht hervorbrechen kann, ohne «Hemmige», am drastischsten wohl bei NOCTURNAL ANIMALS, der die Reihe eröffnet. Regisseur und Drehbuchautor Tom Ford erzählt hier grandios verschachtelt und mit überwältigender Bildsprache von den Abgründen, die in uns lauern. Oder ähnlich, in komödiantischer Überdrehtheit zwar, der österreichische Comedian Josef Hader, der in seinem Regieerstling WILDE MAUS einen Rachefeldzug entwickelt, der zeigt, wie wenig es braucht bis ein braver Kleinbürger zum Tier wird, wenn auch zu einem lächerlich Kleinen. Da agiert dann die – weibliche - Hauptfigur in MUSTANG der Türkin Deniz Gamze Ergüven weit rationaler und besonnener, wenn sie sich mit List und unter Aufbietung aller Kräfte ihre Freiheit gegen ein dumpfes patriarchalisches Regime erkämpft. Tiere können in dieser Reihe aber auch ganz real erscheinen und sich als stärker erweisen als der Mensch, so im bezaubernden LA TORTUE ROUGE von Michael Doduk, dem einzigen Animationsfilm, in welchem die Titel gebende rote Schildkröte einen Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel immer wieder ihre Macht spüren lässt. Und in SAFARI, dem Dokumentarfilm von Ulrich Seidl, sehen wir einer Gruppe österreichischer Jagdtouristen bei ihrem Geschäft in Namibia zu und fragen uns, ob es wohl auch Tiere gibt, die einfach nur so, aus Lust am Töten andere Tiere fachgerecht vom Leben in den Tod befördern oder ob dieses tierisch anmutende und sichtbar sexuell aufgeladene Vergnügen dem Tier Mensch vorbehalten ist.
Geri Krebs